Warum dieses Blog?

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Warum dieses Blog?
Photo by Nithya R / Unsplash

tl;dr – Blogs als Gegengewicht zu sozialen Medien, Initiative gegen Resignation, Angebot von Analysen und Ideen

Ich habe die sozialen Medien weitgehend verlassen. Nicht als Statement, nicht als Entschluss, der eines Morgens fertig war – sondern weil mir nach und nach klar wurde, dass ich dort nicht mehr denke, sondern funktioniere. Ich scrollte, ohne zu lesen. Hatte Meinungen, bevor ich Argumente kannte. Reagierte schnell auf Dinge, die mir drei Stunden später egal waren - und verlor bei all dem immer wieder unbemerkt Stunden an Lebenszeit, versenkt in den Untiefen eines endlosen Content-Feeds.

Irgendwann wurde das Unbehagen größer als die Gewohnheit.

Beim 39. Chaos Communication Congress rief Marc-Uwe Kling zum Digital Independence Day auf. Jeden ersten Sonntag im Monat lädt er die Nutzer*innen ein, einen konkreten Schritt weg von den großen Plattformen zu machen, hin zu Alternativen, die nicht auf Überwachung und Aufmerksamkeitsökonomie gebaut sind. Die Idee ist nicht, alles auf einmal hinzuschmeißen, sondern schrittweise zurückzuerobern, was man abgegeben hat. Das fand ich ehrlicher als die meisten digitalen Detox-Versprechen.

Ein eigener Blog ist Teil dieser Rückeroberung. Kein Algorithmus entscheidet, wer meinen Text sieht. Keine Plattform kann ihn löschen, weil bestimmte Meinungen vielleicht gerade nicht erwünscht sind. Keine Nutzungsbedingungen, die sich über Nacht ändern. Text auf einer Seite, lesbar für alle, kontrolliert von mir. Das klingt bescheiden – ist es aber nicht, wenn man bedenkt, wie wenig davon im Netz noch übrig ist.

Eine kleine Revolution

Warum das alles mehr als persönliche Psychohygiene ist, muss ich kurz erklären.

Wir leben in einer Gesellschaft, die schneller wird, ohne dass die Menschen schneller werden. Beschleunigung ist dabei kein Gefühl, sondern ein strukturelles Prinzip: Elektrogeräte sind darauf ausgelegt, immer kürzer genutzt zu werden Umweltbundesamt – das Umweltbundesamt nennt das Obsoleszenz, also das strukturell bedingte Veralten von Produkten, bevor sie kaputt sind. Politische Debatten folgen dem Nachrichtenzyklus statt dem Sachverhalt. Aufmerksamkeit ist die neue Währung, und die Plattformen, auf denen wir uns bewegen, sind darauf optimiert, sie abzuschöpfen (gemeinsam mit unseren Daten, der zweiten großen Ressource dieser Tage).

Was das mit uns macht, lässt sich in drei Formen von Entfremdung beschreiben (frei nach Hartmut Rosa), die ich für real halte und die sich gegenseitig befeuern.

Entfremdung von sich selbst: Wer permanent reagiert, verliert den Faden zum eigenen Denken. Man weiß, was gerade empört – aber nicht mehr, was einen eigentlich bewegt.

Entfremdung von anderen: Plattformen verdienen nicht daran, dass Menschen sich verstehen, sondern daran, dass sie sich aufregen. Empörung erzeugt Klicks, Klicks erzeugen Werbeeinnahmen, Werbeeinnahmen belohnen den nächsten empörenden Inhalt. Die gesellschaftliche Spaltung ist kein Unfall. Sie ist ein Geschäftsmodell.

Entfremdung von der Welt: Klimawandel, Ressourcenverbrauch, eine Wirtschaft auf ewigem Wachstumskurs – das sind keine abstrakten Probleme. Aber wer davon permanent liest, ohne je das Gefühl zu haben, handlungsfähig zu sein, landet früher oder später in tauber Gleichgültigkeit.

Und hinter allem läuft ein politisches Muster, das man nicht ignorieren kann: Kaum ein Land der Welt besteuert Arbeit stärker und Vermögen geringer als Deutschland, schreibt das DIW. Die stärkste Steuer- und Abgabenlast tragen nicht Vermögende, sondern Arbeitnehmende – und unter ihnen vor allem Menschen mit kleinem und mittlerem Einkommen. Das ist kein linkes Narrativ, das ist dokumentierter Befund. Gleichzeitig wird die politische Unzufriedenheit, die daraus entsteht, nicht in Richtung struktureller Veränderung gelenkt, sondern auf Sündenböcke.
Und das hat Folgen: Eine WSI-Studie zeigt, wie die AfD von Benachteiligungsgefühlen und Abstiegsängsten profitiert und in neue Schichten außerhalb ihrer rechtsradikalen Kernwählerschaft vordringt. Die Ängste dahinter sind real. Die Frage ist, wem sie am Ende nutzen.

Und jetzt?

An diesem Punkt könnte man resignieren. Aber nun kommt eine jüngere psychologische Erkenntnis ins Spiel.

Neuere Forschung hat das klassische Konzept der „erlernten Hilflosigkeit" neu interpretiert: Passivität oder Resignation bei Stress ist gar keine gelernte Reaktion, sondern der biologische Standardzustand des Gehirns. (Das zeigt der YouTuber "Barry Economics" auch sehr anschaulich anhand des überwältigenden Epstein-Skandals.) Das ist ein erheblicher Unterschied. Nicht Resignation wird erlernt – sondern Selbstwirksamkeit. Kontrolle wahrzunehmen und aktiv zu handeln, muss gegen einen neuronalen Ausgangszustand ankämpfen, der auf Passivität eingestellt ist. Hilflosigkeit ist also kein persönliches Versagen. Aber sie ist auch kein unvermeidlicher Zustand. Sie ist der Ausgangspunkt, von dem aus man sich entwickeln kann.

Das entlastet erst einmal. Und es erklärt, warum kleine, konkrete Handlungen – ein Schritt, eine Entscheidung, ein Text – tatsächlich etwas verändern, auch im eigenen Kopf.

Also – warum diese Website?

Ich schreibe dieses Blog, weil ich den aktuellen Entwicklungen etwas entgegensetzen möchte. Nicht als Aktivist mit Programm, sondern als jemand, der gelernt hat, Systeme zu lesen und Zusammenhänge sichtbar zu machen. Ich habe über mein Studium einen Hintergrund in Kultur- und Sozialwissenschaften, Psychologie und Pädagogik. Ich arbeite seit Jahren mit Menschen und Gruppen – als Lehrer, als Chorleiter, als Musiker. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn eine Klasse rund läuft, ein Chor stimmig singt, ein Song groovt. Und ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn etwas auseinanderfällt.

Was ich hier anbieten möchte, ist vernetztes Denken statt Einzelmeinung, Analyse statt Empörung. Ich möchte Probleme und ihre Ursachen benennen, aber auch überlegen, wie es besser gehen kann. Denn auch wenn die Zusammenhänge komplex sind, ist aktiv werden doch die einzige Option.

Wer daran interessiert ist: herzlich willkommen. :)